Die Baumrinde ©Dieter Heinzel

Meine Geburt als Baum begann unscheinbar in einer Beetanlage an einer Bushaltestelle asl kleines Pflänzchen.l Ab und zu wurde ich von den Gärtnern umhegt und gepflegt. Mal brannt die Sonne auf meine Rinde, dann kamen Stürme, die mir zu schaffen machten.Tagtäglich fuhren Busse an mir vorbei, hielten, Leute stiegen aus und ein. Manche von ihnen hatten lachende Gesichter, andere wiederum traurige. Jugendliche trafen sich um zu trinken und sich zu unterhalten. Eines Tages kam eine ältere Frau mit ihrem Hund, einem Dackel. Der Hund sah schon komisch aus, wenn er sein Beine in Bewegung setzte, konnte ich mich nicht mehr halten vor lachen. Der Hund wackelte mit seinen Beinen wie Charlie Chaplin in seinem Film. Einmal lief ein Außenkino hinten auf den Wiesen, da habe ich diesen Schauspieler gesehen. Da die Frau jeden Tag an meinem Beet vorbei kam, hatte ich auch täglich meine Freude. Jahr für Jahrwurde ich größer und größer. Ich erlebte so manche Begebenheit. Eines Tages wurde in meinem Beet ein neuer Strauch gepflanzt, so bekam ich einen Nachbarn. Von diesem Tage an unterhielten wir uns regelmäßig, mal mehr mal weniger, was sich Pflanzen so erzählen. Er hatte auch schon eine Menge erlebt. Einmal erzählte er mir, wie er in der Baumschuli pikiert worden war. Wie er vorsichtig in einen Topf mit Muttererde gesetzt, jeden Tag geduscht wurde, und die nötige Sonne und Wind durch die geöffneten Fenster erhielt. Nach einer gewissen Zeit gings für ihn aufs Freiland. Hier erst erkannte er, wie gemütlich es im Gewächshaus gewesen war.
Jetzt bemerkte ich, dass ihm das Sprechen schwer fiel und ich versuchte ihn aufzumuntern. Das allerdings gelang mir nicht so recht, aber wann gelingt einem das schon? Natürlich gab es für uns beide auch schöne Tage. Wenn die Sonne angenehm auf uns herunter schien und ein leichter Wind durch unsere Blätter blies. Besonders angenehm war es für uns, wenn uns der Wind so richtig hin und her bog, denn diese Bewegung ist für Bäume und Sträucher eine willkommede Abwechslung und stärkt die Wurzeln. Als wir noch größer geworden waren, waren auch unsere Äste stark. Jetzt setzten sich die Spatzen auf uns und pickten die winzigen Insekten auf. Sie hatten Spaß durch unsere Äste hindurch zu fliegen. Mal ein einzelner Vogel und dann wieder auch in großer Schar. Natürlich halten Bäume und Sträucher auch ihren Mittagsschlaf, aber die Vögel stören uns nicht . Je älter wir wurden, um so gereifter wurden wir auch. So hatten wir gelernt damit umzugehen. Was mir und auch meinem Nachbarn, dem Strauch nicht gefällt, sind Gewitter. Wir ducken uns tief mit Hilfe des Sturms und hoffen, dass kein Blitz uns erwischt, man weiß ja nie. Es ist abend geworden und auch für uns Zeit zu schlafen. Das glauben sie nicht? Besuchen sie uns doch einmal.