Hab keine Angst…. . ©Gabriele Ende

Noch heute berührt mich die Erinnerung …

Mein letzter Urlaubstag! Ein letztes Mal will ich wandern gehen, denn so schnell werde ich nicht wieder hierher kommen. Neben dem Wanderweg fließt ein Bach. Er sprudelt und gluckert, als wäre er ebenso glücklich wie ich. Kein Mensch weit und breit. Nur Stille. Die Natur atmet. Kein Vogelgezwitscher – es ist Winter in Österreich!
An einer kleinen Brücke mache ich meinen ersten Halt. Will mich in Ruhe entscheiden, wohin ich gehe. Nach allen Richtungen zeigen Schilder auf Ziele, die es lohnt zu erreichen. Ich überquere den kleinen Bach. Die Brücke ächzt. Sie ist aus altem Holz. Vielleicht will sie mir von den anderen Wanderern erzählen. Sie hat sie alle gesehen, die Unentschlossenen, die Unermüdlichen und die Zweifler, die erwogen gerade hier zurück zu gehen, die einzelnen Wanderer und auch die Wandergruppen. Das türkisfarbene Wasser spielt um ihre Brückenbeine. Bildet kleine Strudel, die dann mit Eifer dem Bachlauf folgen. Unbekannten Zielen entgegen, unwissend, ob sie je ins Meer gelangen.

Ich gehe einfach los, ohne ein bestimmtes Ziel. Mein Weg führt mich über eine große Wiese. In der Ferne leuchten die schneebedeckten Spitzen der Berggipfel. Sie erscheinen mir, wie hineingemalt in das herrliche Blau des Himmels. Ihre Konturen sind klar und sauber. Das macht sicher der Schnee. Er lässt sie fast unschuldig aussehen. Quer über die Wiese führen Spuren von anderen Wanderern, Schnee liegt hier unten keiner, nur Matsch, mir ist es gleich. Fröhlichen Gemüts schreit ich aus und füge meine Fußspuren hinzu. Nach zwei Stunden sehe ich einen spitzen Kirchturm. Im Ort angekommen suche ich die kleine Kirche. Auf dem Kirchhof fällt mein Blick auf ein schlichtes Holzkreuz. Es sieht noch neu aus und mir sticht mein eigenes Geburtsdatum in den Blick. Als ich näher herantrete lese ich, dass die Frau im letzten Jahr starb. Sie wurde nur fünfzig Jahre alt. Ich denke an diese Frau und wünsche ihr, dass es ihr gut geht, dort, wo sie jetzt ist. Ich denke an meine Kinder und Enkel und bin für meine Gesundheit dankbar.
In der Kirche hat jemand neben den Kerzen einen kleinen handgeschriebenen Zettel mit Tesafilm an die Mauer geklebt. Auf ihm steht mit schrägen und zittrigen Buchstaben:

„Ich bin nicht gläubig, doch wenn es Dich gibt Gott, dann achte bitte auch auf mich. Vielleicht kannst Du mir ein Zeichen geben, denn ich bin alt, krank und habe Angst.“

Darunter hatte ein Kind mit rotem Buntstift geschrieben:
„Ich bin auch sehr krank und wenn ich vor Dir sterbe, werde ich meinen Engel bitten auf Dich aufzupassen. HAB KEIN ANGST!“
Toni

Lange sitze ich in der kleinen Kirche. Denke an meine Lieben daheim, denke über mich und über mein Leben nach. Als ich die Kirche verlasse, riecht die Luft frischer, der Himmel ist blauer, meine Lebensfreude größer. Ich bin  unendlich dankbar, dass mich mein Weg in diese kleine Kirche geführt hat und fühle, dieses Zeichen ist auch für mich!